1.1. Fotografierte Abbilder

Zielsetzung jedes fotografierten Abbildes ist die sachgerechte Wiedergabe eines fotografierten Objektes. Das fotografierte Abbild ist dann Repräsentant des Abgebildeten, d.h. es steht für das Abgebildete. Das Abgebildete verweist auf etwas außerhalb ihm selbst Seiendes bzw. Gewesenes. Obwohl das Abgebildete und das fotografische Abbild nicht identisch sind, obwohl eine Fotografie einerseits weder Duplikat noch Kopie der Wirklichkeit ist, sondern durch ihre medienspezifischen Eigenschaften immer „verkürzte, eingeschränkte" Wiedergabe der Wirklichkeit, kann ein an den Umgang mit Fotografien gewöhnter Betrachter ein in einer Fotografie abgebildetes Objekt identifizieren. U. Ecco (1994) meint, dass wir beim Betrachten einer Fotografie eine Wahrnehmungsstruktur erzeugen, wie wir sie auch beim Erkennen und Erinnern eines realen Objektes konstruieren, dass sich also Wahrnehmung der Wirklichkeit und Wahrnehmung einer Fotografie ähneln. Man kann aber ebenso behaupten, dass wir einerseits durch die Dominanz von Wissenschaft und Technik mit ihren Denk- und Sichtweisen und andererseits durch den ständigen, alltäglichen Fotogebrauch in eine fotografische Sichtweise eingeübt sind, nach der wir ( inzwischen ) die Wirklichkeit so sehen, wie sie uns von Fotos dargeboten wird.

Die am Abbild orientierte Sachfotografie kann man, je nach ihrer unterschiedlichen Zielsetzung und Vorgehensweise in etwa unterteilen in dokumentarische Fotografie, Reportagefotografie/journalistische Fotografie, wissenschaftliche Fotografie und Werbefotografie. Dabei sind Annäherungen und Überschneidungen selbstverständlich möglich und üblich. In der Tabelle unten werden vier Bereiche der Sachfotografie idealtypisch gegenübergestellt.

Aufnahmeweise, die solches identifizierendes Sehen erleichtert

Grundsätzlich müssen medienimmanente Aspekte in den Hintergrund treten, so dass eine Fotografie sozusagen gar nicht als Fotografie gesehen wird:

- Kamera in Augenhöhe

- waagerechte Ausrichtung der Kamera

- Normalobjektiv - keine perspektivischen Verzerrungen

- keine einengenden Ausschnitte

- distanzierte Darstellung

- gleichmäßiges (diffuses) Licht

- keine Unschärfen, sondern gleichmäßige Schärfe

- kein Korn/Rauschen, sondern Detailreichtum durch niedrigempfindliche Filme/niedrige ISO-Einstellung

- keine extremen Kontraste

- keine Dramatisierung durch lange und/oder tiefe Schatten, durch Wolken oder dunklen Himmel

- räumliche Tiefe

- vermeiden, dass Bildelemente auf nichts außer sich selbst verweisen

- Verwendung von Schwarzweißfilm, um der Gefahr, dass durch Farben Stimmungen hervorgerufen werden, zu entgehen

Auf das Abgebildete verweisende Fotografien werden landläufig als weniger wertvoll bzw. weniger künstlerisch angesehen, da der Durchschnittsbetrachter bei dieser Art von Fotografie deutlich bemerkbare „Eingriffe oder Gestaltungen" eines „schöpferischen" Künstlers vermisst.